Revolution in der Klaviermusik - Frédéric Chopins Werke
Die Etüden op. 10 und op. 25 von Frédéric Chopin
Frederic Chopins bedeutenste Klavierzyklen
Klavieretüden hatten bis ins 19. Jahrhundert hinein rein gymnastische, anschlagtechnische Funktion. Selbst noch zu Chopins Zeiten war ihre Hauptaufgabe, allen möglichen Leuten „zur Hand“ zu gehen, vor allem denjenigen – meist Damen der Gesellschaft -, die „brillant aber nicht schwer“ spielen wollten. Dazu schrieben die uns bekannten Etüden-Komponisten wie Carl Czerny, Ignaz Moscheles, Muzio Clementi, Johann Nepomuk Hummel, Johann Baptist Cramer, Charles Meyer, Sigismund Thalberg oder Henri Herz endlose Reihen von Übungen, manche technisch durchaus anspruchsvoll, musikalisch aber meist monoton und langweilig.
Frédéric Chopins Werke, die 24 Etüden, stellen dagegen etwas Neues, Besonderes, ja Revolutionäres dar. Sie sprengen den Rahmen, der der Gattung Klavieretüde bisher gesetzt war: den technischen, den musikalischen und auch den gesellschaftlichen. Chopins Werke machen die Klavieretüde salonfähig, ausdrucksfähig, kunstfähig und lässt sie so in einem unglaublichen Glanz erstrahlen.
Obwohl von seinem Schöpfer ebenfalls als technische Anleitung verstanden, sind Chopins Etüden dagegen eher Studien als Lernstücke. Sie haben keine Vorbilder, allenfalls lassen sich Verbindungen zum „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach aufzeigen, jenem überaus wichtigen Werk, das von allen Großen der Musik nicht nur wegen des Kontrapunkts studiert, sondern auch als klavieristische Übung verstanden wurde. Auch Chopin verwendete es als Unterrichtsmaterial und nutzte es zur Vorbereitung auf einige Konzerte.
Als im Juni 1833 die erste Sammlung von 12 Etüden erscheint, gibt es in der Fachwelt einen regelrechten Aufschrei ob der technischen Schwierigkeiten von Frédéric Chopins Werke, die hierbei auf Musikkenner und Klavierspieler zukommen würden, den der Musikschriftsteller Ludwig Rellstab in seiner Musikzeitschrift „Iris“ in folgende Worte fasst: „…wer verrenkte Finger hat, (wird) sie an diesen Etüden vielleicht wieder ins Gerade (bringen), …“ Rellstab geht so weit zu behaupten, Chopins Passagen seien „nicht geschrieben (worden), weil sie so oder so erfunden wurden und vortrefflich klingen, sondern weil sie auf diese Weise schwerer sind als andere“. Jede der zwölf Etüden aus op. 10, die alle über eine erstaunliche, formale Geschlossenheit verfügen, widmet sich einer besonderen technischen Spezialität, die es so vorher noch nicht gegeben hatte. Man wird den Komponisten aber nicht gerecht, wenn nur die technischen Hürden mit Eleganz übersprungen werden. Vielmehr gilt es, die sich aus den ungewohnten manuellen Schwierigkeiten ergebende Ausdruckserweiterung zu nützen und ein farbkräftiges Charakterbild zu malen, wie dies Grigory Gruzman in der Einspielung der 24 Etüden für das Label organo phon vortrefflich gelingt. Auf der Bestellseite der CD Chopin Études op. 10 & op. 25 sind auch einige Hörproben der Etüden zu finden.
Etüden op. 10
Die Etüden op. 10, von Frédéric Chopin dem bewunderten Franz Liszt gewidmet, gehören zu den Frühwerken des jugendlichen Meisters und wurden teilweise schon in seiner Heimat Polen konzipiert. Nur wenige Jahre später erschien die zweite Sammlung, ebenfalls mit zwölf Etüden als Opus 25. In ihnen wie in den bereits zuvor geschriebenen Etüden op. 10 nähert er sich z. T. schon impressionistischen Klangwirkungen, sie enthalten einen Reichtum an Modulationen und kühne chromatische Harmoniefolgen, wie man sie bis dahin noch nicht kannte. Dennoch ist für Frédéric Chopin die Melodie das wichtigste Ausdrucksmittel, jene Sprache, in die er alles hineingelegt hat, was er sagen wollte, als „die echteste und mächtigste von allen“ (Pasternak).
Der Herausgeber und Musikkritiker Oscar Bie schrieb in seinem Buch Das Klavier und seine Meister: „Echtere Klaviermusik als eine Etüde kann es nicht geben. Das Wesen des Klaviers ist in ihr zur Musik geworden.“ Das gilt uneingeschränkt auch für die 24 Etüden von Frédéric Chopin. Sie sind nicht, wie manche Rossini Opern, innerhalb weniger Wochen entstanden, sondern das Ergebnis eines schöpferischen Prozesses, der sowohl für op. 10 als auch für op. 25 mehrere Jahre in Anspruch nahm. Zwar sind beide Werke zeitlich voneinander getrennt entstanden, dennoch sind die Übereinstimmungen und Verbindungen zwischen ihnen in Struktur, Aufbau und in der Entwicklung des harmonischen Materials frappierend. Chopin hat die Reihenfolge der einzelnen Etüden sehr wohl überlegt, sie ist nach dem Gesichtspunkt tonartlicher Verwandtschaft angeordnet, jedoch nicht so wie das Bachsche „Wohltemperierte Klavier“, sondern in einem nicht leicht zu durchschauenden Wechsel von Tonarten-Parallelen, Wechsel des Tongeschlechts und Quintverwandtschaft. Natürlich entfaltet jede der 24 Etüden auch ihre eigene, ganz besondere klangliche Wirkung. Diese Wirkung ist aber eine andere, hört man sie in ihrer Gesamtheit, in Folge, nahezu nahtlos ineinander übergehend.
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